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Eine Gute - Nacht - Geschichte

Das abendliche Vorlesen von Geschichten ist bei vielen Kindern sehr beliebt. Einige gibt es leider, die mit `Star Wars – The Clone Wars´ oder irgendeinem anderem animierten Mist einschlafen müssen. Doch meine Kinder mussten und durften oftmals noch das Vorleser – Talent von mir oder meinem Mann erfahren. Dieser Teil des Tages verlangt uns, also den Eltern noch einmal alles ab. Bis wir die Zwei mit geputzten Zähnen, gekämmten Mähnen und sauberen Händen in das Schlafzeug bugsiert haben, vergehen viele haarsträubende und erziehungstechnisch nicht ganz astreine Minuten. Dann kommt da ja noch eine Treppe in das Obergeschoss, von dessen Flur sich zwei Kinderzimmer abspalten. Auf diesem kurzen Weg haben die beiden Mädchen genügend Möglichkeiten, uns zu zeigen, dass sie wirklich noch gar nicht müde sind, wie sie schon seit dem Aufruf zum Schlafengehen beteuern.

Beliebte Spiele, die ein mögliches Ausrasten mindestens eines Elternteils hervorrufen und/oder beschleunigen, sind „Murmeln“, dabei werden verschieden große Murmeln quer durchs ganze Zimmer gerollt; „Schule spielen“, dafür wird Wasser benötigt, um die Tafel abzuwischen und den Fußbodenbelag zu befeuchten; sehr beliebt ist auch „Verstecken spielen“, dabei müssen die Klamotten aus dem Schrank, damit das Kind hinein passt. Haben Sie jetzt nicht das Gefühl, dass alle Spiele hintereinander an einem Abend von uns toleriert werden! Niemals! Unter strengem Geleitschutz werden die Kinder in ihre Zimmer verbracht, der Hauptverkehrsweg Bett – Toilette, bzw. Bett – Topf wird gemeinschaftlich frei geschaufelt.

Um die bisher relativ gewaltfreien miteinander verbrachten Stunden mit Harmonie abzurunden, eignet sich eine gemütliche Beleuchtung, ein Vorleser, eine komfortable Kuschelecke und eine angenehme Lektüre. „Die Elfenprinzessin! Die haben wir lange nicht gelesen. Oder `Im Land der tausend Feen´! Bitte Mama, die Geschichten sind sooooo toll!“ Mich schüttelt es. Prinzessinnen, Feen, zu dünne blonde weibliche Wesen, die auch noch Flügel auf dem Rücken haben und immer freundlich und hilfsbereit sind. Sie können mit Tieren sprechen und geraten immer in Notsituationen und ihnen wird immer geholfen, weil sie ja auch immer helfen. Will das nicht vorlesen. Der Kuhhandel beginnt. „Das Märchenbuch ist doch viel schöner. Die Märchen sind schon so alt und sollen alle wirklich so gewesen sein.“ Mein Konter kommt nicht gut an. Die große Tochter ist nicht doof. „ Mama, also wirklich. Rapunzel im Turm, mit den langen Haaren… Quatsch, das war doch nicht in echt so!“ Jetzt mischt sich auch die Kleine noch ein. „Ich will fäähnitooopa hören.“ Zur Übersetzung: Fairytopia. Eine Barbie – Irgendwas rettet irgendwas. Sie sehen schon, dieser Kelch ist an mir vorbeigegangen. Puppen, Elfen, Feen. Ich würde jetzt sagen, `das gab´s im Osten nicht´ aber das wäre bestimmt eine Lüge. Ich wollte sowas einfach nie haben. Kuscheltiere ja, Puppen und anderes Mädchengedöns nein. Ich hatte einige Mätscher (Matchbox), einen Stabilbaukasten aus Holz, viele Stifte und Puzzle. Nun ja, trotzdem bemühe ich mich zu verstehen, dass meine beiden Mädchen richtige Mädchen sind. Aber auch trotzdem soll ich ja der Vorleser sein! Und meine Gehirnzellen schmelzen bei so einem Friede – Freude - Eierkuchen – Kram. Ich will Märchen!

Der Ringrichter erhebt sich über uns und macht ein verlockendes Angebot. Er verschließt seine Augen und zieht irgendein Buch aus dem Regal und aus dem wird dann vorgelesen. Das wäre gerecht und würde dem Abend ein Ende bescheren. Sehr gut, er orientiert sich nochmal kurz und schaut, wo das Märchenbuch steht. Sehr gut, mein lieber Mann. Aber, wie gesagt, die Große ist nicht doof. Sie durchschaut alles und dreht ihn zur Sicherheit noch fünfmal in diese Richtung und fünfmal in die andere Richtung. So ein Gedrehe kann ja für Erwachsene ein Desaster auslösen. Der erwachsene Innenohrspielplatz ist marode, nichts funktioniert mehr einwandfrei, und so wird uns leider schnell und doll schlecht, wenn wir uns drehen sollen, oder schaukeln müssen. Kinder! Habt doch Mitleid mit uns Alten!

Mein Mann erblasst also stark und pumpt wie ein Maikäfer. Er sinkt halb ohnmächtig in unsere Kuschelecke mit dem mühsam ausgewählten Buch in der Hand: „Hase Bubu kommt in den Kindergarten“! Super! Ein Hase kommt also in den Kindergarten zusammen mit Enten, Bären und kleinen Tigern. Ganz prima. So lebensecht! Widerwillig beginne ich also zu lesen. Na wenigstens hören die Kinder zu und sitzen einigermaßen still. Mein Mann hat noch mit dem Wiederherstellen seines Originalzustandes zu tun. Die Mädchen popeln ganz gespannt, um dann mit den zum Bohren benutzten Fingern nochmal auf die Bilder zu zeigen, was für eine Freude. Die letzte Seite. Wenn Sie jetzt denken, dass mit dem Beenden des Buches auch die Kinderbetreuung ein Ende hat, liegen Sie weit daneben. Das Buch ist aus und wird schnell entfernt. Die Kinder werden aufgefordert, ihre Betten aufzusuchen. Dann geht´s erst richtig los.
„Können wir nicht zusammen schlafen?“ fragt die Kleine. „Au ja, wir versprechen auch, dass wir ganz schnell einschlafen“ steigt die Große mit ein. Beide schauen sich verliebt an um dann mit großen Welpenaugen das Betteln zu untermauern. „Wirklich! Heute klappt das mit uns. Ehrlich. Wir sind ganz leise!“. Meine Kurzantwort besteht aus nur einem Wort: „Nein!“ Jetzt kommt der Teil, in dem garantiert auch Tränen fließen und unschöne Worte fallen, die ich jetzt aber nicht wiedergeben kann.Nach weiteren 10 Minuten sind schon mal beide Kinder im jeweils richtigen Zimmer angekommen. Die Kleine bockt in ihrem Bett und schmeißt ihre Decke immer wieder raus. Ihr beliebter Spruch, der sonst für Heiterkeit sorgt, verhallt in der angestrengten Atmosphäre: „Meine Decke geht nicht!“. Wir lassen sie besser damit allein, denn wir wissen, dass wir sie heute Abend nicht zum letzten Mal gesehen haben. Die Große bockt auch, hier hat der Bock allerdings eine andere Qualität. Unsere Fragen nach dem vorbereiteten Ranzen oder den herausgelegten Klamotten werden nicht beantwortet. Wir sind `total gemein´, und `fies´, um doch einige unschöne Worte zu nennen. Andere Kinder aus ihrer Klasse dürfen in der Woche auch woanders schlafen. Nun also auch noch der Leierkasten mit der alten Platte. Dürfen wir Eltern denn eigentlich nie Feierabend haben? Auch dieses Kind wird nun sich selbst überlassen. Zum Glück haben die Kinderzimmer Türen, dann müssen war das Elend nicht mit ansehen.

Wir schließen also das Sicherheitsgitter und machen uns auf zum Abstieg ins Elternreich, der Couchecke mit Fernseher. Bereits auf halber Strecke vernehmen wir die Stimme der Kleinsten. Heulend bemängelt sie, dass sie nichts mehr zu trinken hat. Also nach unten gehen, Flasche holen, wieder nach oben gehen, eingießen, Kind nochmal zudecken und schnell verschwinden. Auf dem Weg zum Gitter öffnet sich die andere Tür. Ein heulendes großes Mädchen kann ihren Teddy nicht finden. Also gehen wir gemeinsam runter und suchen das abgewetzte Tier. Inzwischen hören wir das Rumpeln auf der Treppe, welches anzeigt, dass nun auch die Kleine nochmal den Weg nach unten sucht. Verkrampft entspannt, versuchen wir herauszufinden, was sie denn jetzt noch für ein Problem hat. Auch sie sucht etwas. Nämlich die rote Murmel. Kein Mensch braucht im Bett eine rote Murmel!!! Der Wahnsinn klingelt draußen an der Tür. Aber noch machen wir nicht auf, auch wenn er sehr verlockend lächelt. Der Teddy ist natürlich nicht zu finden, auch die Murmel bleibt verschollen. Gleich beende ich den Abend hier mit einem lauten Brüller. Mein Puls ist bereits auf hohem Niveau. Die Große weiß jetzt, dass Teddy im Auto sein muss. Ich schaue verzweifelt zu meinem Mann, der gerade die rote Murmel schmerzhaft in seinem Gartenlatschen gefunden hat. Sein Gesicht zeigt mir deutlich an, dass auch er kurz vor einem Brüller steht. Sehr kurz davor. Er verlässt das Haus mit den Autoschlüsseln in der Hand.

Ich geleite die Kinder wortlos nach oben in ihre Zimmer. Jede hübsch in ihr Bett. Hoffentlich findet er diesen Teddy, bete ich. Der Teddy wird nach oben in den Flur geschmissen. Das kommt bei der Besitzerin gar nicht gut an. Es würde dem Teddy doch wehtun, und uns würde es auch nicht gefallen, umher geworfen zu werden. Wieder Tränen. Ein deutliches Zeichen für Müdigkeit. Mein letzter Satz lautet: „Würde es dir denn gefallen, stundenlang, vergessen im eiskalten Auto zu liegen?“. Dann knalle ich das Gitter zu, stampfe nach unten und denke über ein ebenerdiges Haus nach.

Unten drehe ich mir eine Zigarette und fiebere meinen acht Minuten Stille entgegen. Oben öffnet sich eine Tür. „Maaaaaaamaaaaaaaaaaa?“ eine ganz zarte Stimme. Ich antworte nicht. „Maaaaaaamaaaaaaaaaaa?“ Wieder nicht.
„Maaaaaaammmmmmmaaaaaaaaaaa?“ - „WAS IST???“ bölke ich nach oben. Ganz leise wird geantwortet: „Ich hab´gepullert.“ Also lege ich meine Zigarette weg und gehe bemüht und ruhig nach oben, öffne das Gitter, betrete das Kinderzimmer. Ein kurzes Lob für´s Geschäft, Topf auskippen, Topf wieder auf den richtigen Platz stellen, Kind zudecken, rausgehen. Gitter zu. Durchatmen. Aber die andere Tür geht wie durch Zauberhand auch auf. „Mama, hast du mir die 10 Euro für´s Kino eigentlich schon ins Portmonee gelegt?“. Ich hab keine Ahnung worum es geht. Ich weiß nur, dass ich keinen Cent mehr habe. Umständlich lasse ich mir im Flüsterton den Geldbedarf erklären. Ich brubbele, dass ich mal nach Geld suchen werde und das auf den Küchentisch legen werde. „Kannst du mich nochmal ins Bett bringen?“ In meinem Kopf klingelt es kurz und Dampf steigt aus meinen Ohren. Der Wahnsinn steht unten vor der Tür und winkt mir durch das Türfenster ganz fröhlich zu. Ich öffne also nochmal das Gitter, begleite das große Kind ins Bett. Wo steckt eigentlich mein Mann? Leichte Wut steigt neben dem Dampf in mir auf! Großes Kind ins Bett gebracht. Tür leise zu, damit nicht gleich wieder eine andere Tür aufgeht. Leise das Gitter zu, leise nach unten schleichen. Zigarette, ich komme und dann machen wir beide uns das hübsch!

Inzwischen sind seit dem Zähneputzen knappe 90 Minuten vergangen. Schnell ziehe ich mir die Jacke über. Meinen Mann hat es zum Duschen ins Bad verschlagen, na da hat er aber nochmal Glück gehabt, dass ich ihn nicht auf der Couch erwischt habe. Ich öffne die Balkontür. Das Telefon klingelt. Ich ignoriere es.


Es ist schön kalt draußen. Der Sturm pfeift um unser Haus. Die Zigarette ist toll. Ich hab´ sie mir auch verdient. Wie der Abend jetzt weitergeht, ist eigentlich auch schon klar. Viel reden werden wir nicht mehr. Die verfügbaren Wörter haben wir auf der Arbeit gelassen und zu Hause in die Kinder rein gesprochen. Wir werden uns noch fragen, ob es morgen einen wichtigen Termin gibt, oder wer die Kinder abholt oder ob wir einkaufen müssen. Vielleicht noch ein Gläschen Wein. Dann sitzen wir schweigend vor der Glotze, bis uns die Augen zufallen. Gute Nacht.
15.4.16 17:36


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